Empfang des Ministerpräsidenten Kretschmann zum CSD-Jahrestag

v.l.n.r.: Kim Schicklang, Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Manfred Bruns, Ministerin Silke Krebs und Brigitte Aichele-Frölich

Zum ersten Mal in der Geschichte Baden-Württembergs lud der amtierende Ministerpräsident Winfried Kretschmann am 28.6.2012 zum Jahrestag des Christopher Street Day etwa 150 Vertreter und Vertreterinnen verschiedener Verbände und Gruppen in seinen Amtssitz Villa Reitzenstein ein. Neben Ministerpräsident Kretschmann und Staatsministerin Silke Krebs waren auch die Sozialministerin Kathrin Altpeter, Staatssekretär Klaus-Peter Murawski sowie die Vize-Landtagspräsidentin Brigitte Lösch anwesend.

Wir veröffentlichen hier die Rede von Brigitte Aichele-Frölich, Vorstand des LSVD Baden-Württemberg, in schriftlicher Form zusammen mit unserem Forderungskatalog. Weitere Links haben wir am Ende dieses Artikels zusammengestellt:

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmann,
sehr geehrte Frau Ministerin Krebs,
sehr geehrte Frau Ministerin Altpeter,
sehr geehrter Herr Staatssekretär Murawski,
sehr geehrte Frau Landtagsvizepräsidentin Lösch,
sehr geehrter Herr Landtagsabgeordneter Wahl,
liebe Gäste,

vielen Dank für die Einladung zum heutigen CSD-Empfang. Es ist mir eine sehr große Ehre und eine sehr große Freude, hier als ehrenamtliche Vertreterin des Lesben- und Schwulenverbandes sprechen zu dürfen.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident – wir Lesben und Schwule, Transgender und Intersexuelle verstehen die heutige Veranstaltung als ein grandioses Zeichen.

Brigitte Aichele-Frölich

Zu Beginn möchte ich mich kurz vorstellen: Mein Name ist Brigitte Aichele-Frölich,  ich bin  50 Jahre alt und Textiltechnikerin von Beruf. Aufgewachsen bin ich in einer Arbeiterfamilie im Raum Esslingen. Meine Eltern waren gläubige Christen und sehr konservativ. Ich bin verheiratet und ich lebe mit meiner Frau und unseren drei Kindern am Schönbuchrand.

Es ist mir ein Herzensanliegen, Ihnen meine Erfahrungen als heute aktiv offen lebende Lesbe zu berichten. Ich bin ein Beispiel für viele.  Es gibt Frauen, die ähnliche Wege gehen und ähnliche Erfahrungen machen – aber auch Frauen, die ganz andere Wege für sich wählen.

Ich möchte Ihnen meine Erfahrungen, auch Diskriminierungserfahrungen, entlang meines Lebenslaufes aufzeigen.

  1. Meine Erfahrungen als Mädchen und werdende Frau.
  2. Meine Erfahrungen als Teil einer Regenbogenfamilie.
  3. Meine Erfahrungen in meinem Berufsleben.
  4. Und ich möchte daraus jeweils ein Fazit ableiten, um aufzuzeigen, wo es noch Handlungsbedarf gibt.

Nun zu meiner Geschichte: Als ich  ca. 10  Jahre alt war wollte ich nie Kleider tragen. Aber meine Mutter wollte das. Sie wollte aus mir ein „Mädchen“ machen und so musste ich am Sonntag in die Kinderkirche mit Feinstrumpfhose und Rock. Eines Tages ging ich in den Wald anstatt in die Kirche. Der  Rock war anschließend unbrauchbar und aus der Feinstrumpfhose wurde ein grobmaschiges Netz.

Mädchen sein war gesellschaftlich vordefiniert, aber ich wollte und konnte dieses Mädchenbild nicht füllen. Ich fühlte mich eingeengt und sehr unwohl in meiner Haut. Es waren die vordefinierten Geschlechterrollen, die mich eingeengt hatten. Und diese werden oft gerade von lesbischen Mädchen als große Belastung erlebt.

Deshalb Fazit 1:  Es ist super wichtig, dass wir die Jugendlichen in ihrem Comingout-Prozess unterstützen, sie wertschätzend begleiten und ihnen zur Seite stehen.

Ich merkte irgendwann, dass auch meine Mutter unsicher war. Ich war so anders,  kein Mädchen wie sie es sich vorstellte. Was hatten sie falsch gemacht? Warum war ich so? Fragen über Fragen. Mein Vater erfuhr nie, dass er eine lesbische Tochter hatte.  Meine Mutter war völlig sich selbst überlassen. Das ging sicher nicht nur ihr so.

Deshalb FAZIT 2: Es ist  auch besonders wichtig, die Eltern in den Outingprozess ihrer Kinder mit einzubeziehen. Und Schulen und Jugendeinrichtungen, Familienbildungsstätten und auch das Elternseminar wie hier in Stuttgart wären die idealen Orte, um das Thema aufzugreifen.

Ich war nun also mitten in der Pubertät und erlebte viele Diskriminierungen. Die Äußerung wie: „Du bist doch keine richtige Frau.“ habe ich oft hören müssen. Ich konnte das alles  nicht einordnen. Fragen wie „wer bin ich, was will ich, was darf ich?“  haben mich oft an mir und meiner Identität zweifeln lassen.

FAZIT 3: An diesem Beispiel zeigt sich sehr deutlich, wie wichtig und notwendig es ist, dass Lehrer und Erzieher im Umgang mit Minderheiten ausgebildet werden. Denn nur dann werden sie das höchstnotwendige Engagement einbringen können, um etwas zu verändern.

Seit 1973 spielte ich Fußball im Sportverein. Dazu muss man wissen, dass  Frauenfußball von 1956 – 1970 offiziell vom deutschen Fussballverband verboten war,  u.a. weil man glaubte: Fußball sei nicht vereinbar mit der Anatomie der Frauen und dass  Fußball die Frauen vermännliche. Wir Frauen mussten also gegen die Diskriminierungen ankämpfen. Wir mussten kämpfen:

  • um Trainings- und Spielzeiten,
  • um die Erlaubnis Fußball spielen zu dürfen und später folgte dann der
  • Kampf für die Anerkennung des Frauenfußballs im DFB und den Landesverbänden.

So schwer dies alles zu ertragen war, war doch der Verein  ein Raum, wo ich mich wohl  fühlte. Und ich fand Gleichgesinnte im Sport. Bis heute jedoch ist das Outing im Sport höchst problematisch.

FAZIT 4: Hier zeigt sich die doppelte Rolle des Sports: Einerseits findet man dort Freunde und wird unterstützt. Auf der anderen Seite wird durch das Verschweigen die Ausgrenzung gefördert.

Nach der Pubertät, ungefähr mit 18, begann bei mir der Outingprozess, der langwierig war und sich über viele Jahre hinweg zog. Ich hatte u.a.

  • Angst, dass meine Familie mich verstoßen würde.
  • Angst davor, meinen Arbeitsplatz zu verlieren.

Meine Umgebung jedoch ahnte schon lange, dass ich lesbisch war.  Meine Mutter konnte mich nie verstehen, aber sie versuchte mich so zu akzeptieren.  Darüber hinaus machte ich durchweg positive Erfahrungen und fühlte mich befreit und viel, viel wohler. Ich brauchte mich nicht mehr zu verstecken. Keine Ausflüchte mehr.

FAZIT 5: Der Outing-Prozess war damals schwierig und das ist heute auch noch so.  Hierin zeigt sich, dass wir eine gesamtgesellschaftliche Aufklärungs- und Anti-Homophobie Kampagne brauchen.

1995 traf ich meine Partnerin. Unsere Hochzeit fand 2005 nicht auf dem Standesamt -wie üblich- statt, sondern auf der KFZ-Zulassungsstelle. Auch eine Diskriminierung, die dank unserer GRÜN/ROTEN Landesregierung der Vergangenheit angehört. Um eine Regenbogenfamilie zu werden, bedarf es eines langen Prozesses  und wir haben uns fast vier Jahre mit diesem Thema beschäftigt, bevor wir uns für unseren Weg entschieden. Als die Kinder da waren, haben wir wieder die Erfahrung gemacht, dass unsere Umgebung oft nicht wusste,  wie sie mit uns umgehen soll. In Kindergarten und Schule haben wir unsere Familienkonstellation immer wieder erklärt und offene Fragen beantwortet. Heute sind unsere Töchter 2, 6 und 8 Jahre alt. Sie sind glücklich, intelligent und aufgeweckt.  Sie mögen Cola, wollen länger aufbleiben und sie streiten auch miteinander. Unsere Kinder erzählen, egal wo sie sind und ganz unbekümmert, dass sie 2 Mütter haben. Es sind ganz gewöhnliche Kinder eben.

FAZIT: 6: Die Akzeptanz in der Gesellschaft ist hier schon wesentlich weiter als die Bundespolitik. Die schwarz-gelbe Bundesregierung ignoriert uns seit Jahren vehement. Ein weiterer gravierender Punkt ist das Fortbestehen des stereotypen Familienbildes in  Kindergarten und Schule. Wir wollen, dass die Vielfalt hier viel stärker Beachtung findet. Regenbogenfamilien müssen anderen Familien gleichgestellt werden und dürfen nicht länger benachteiligt werden.

Nun noch meine Erfahrungen zum CSD-Thema: Wie gleichgestellt sind Homo- Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle Menschen im Beruf ?

1977 mit dem Hauptschulabschluss in der Tasche absolvierte ich eine Ausbildung zur Textilmechanikerin als Frau in einem typischen Männerberuf. Dann  ging ich ans Technikum, um Textiltechnikerin zu werden. Jetzt ging es los. Plötzlich sahen meine Kollegen in mir Konkurrenz und für meine Chefs  war ich eben eine Frau. Frauentypisch bekam ich diejenigen Jobs, die nicht unbedingt karrierefördernd waren

Ich aber wollte die Produktion leiten und Kunden betreuen. Diesen Job fand ich schließlich. Dabei ist wichtig: Mein damaliger Chef unterstützte und förderte mich. Dennoch hatte ich das Gefühl, in das männliche Karrierenetzwerk nie eindringen zu können. Frauen wurden nicht aufgenommen und eigene Netzwerke hatten sie noch nicht

Frauen wurden bei der Stellenbesetzung von leitenden Positionen einfach nicht berücksichtigt. Es lag sicher nicht an deren Qualifikation oder Kompetenz.

Nun zum schwierigsten Teil meines Outing-Prozesses.

Erst 2003, also mit 42 Jahren, habe ich mich auch am Arbeitsplatz  geoutet. Meine Motivation, mich zu outen, waren die bevorstehende Geburt meiner ersten Tochter. Klar war mir und meiner Frau, wir müssen uns aktiv und offensiv und überall outen. Unseren Kindern dürfen wir das nicht aufbürden. Schluss auch mit dem Versteckspiel im Beruf. So bat ich also meine Chefs, zwei Männer, um einen Termin. Ich dachte, ich würde das nicht überstehen. Am Termin wollte mein Herz aus meinem Kopf springen. Natürlich ahnten sie es längst.

Seit diesem Outing habe ich mich bei jeder Firma geoutet und habe immer gute Erfahrungen gemacht.

FAZIT 7: DIVERSITY d.h. Vielfalt im Alter, Hautfarbe, Religion, Behinderung, Geschlecht und sexuelle Identität. Die Unternehmen müssen an diesem arbeiten.  Wir müssen unsere Unternehmen und die öffentlichen Verwaltungen für das Thema sensibilisieren und wir müssen die Kirchen als Arbeitgeber auffordern, sich dem Thema zu öffnen.

Unsere Vision : Frauen und Männer sollen unabhängig von ihrer sexuellen Identität, selbstbestimmt und nach ihrer Facon leben können und dürfen. Um unserem großen Ziel näher zu kommen, haben wir einen Forderungskatalog aufgestellt und der Fraktion der GRÜNEN übergeben, als eine Grundlage für den Aktionsplan für Gleichstellung und Toleranz. Wer sich dafür interessiert, findet den Forderungskatalog auf unserer Website.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Brigitte Aichele-Frölich

Unser Forderungskatalog zum Aktionsplan Gleichstellung und Toleranz: 20.04.2012_Forderungskatalog_Diversity_Toleranz1[1] (pdf, ca. 50 kb)

Weitere Links:

  1. Der Pressebericht des Staatsministeriums Baden-Württemberg zum CSD-Empfang.
  2. Die Rede von Kim Anja Schicklang (Aktion Transsexualität und Menschenrecht e.V. / ATME):
  3. Videodokumentation des Empfangs auf YouTube
  4. Bildergalerie des Magazins schwulst.de
  5. Pressebericht von Stefanie Järkel auf schwaebische.de vom 1.7.2012: „Land will Vorreiter für Offenheit werden“
  6. Pressebericht der Stuttgarter Zeitung vom 29.6.2012: „Land will vorangehen“

Quelle der Fotos in diesem Artikel: Staatsministerium Baden-Württemberg