Für einen würdigen Lern- und Gedenkort im ehemaligen Gestapogebäude „Hotel Silber“ unter Einbeziehung aller NS-Verfolgtengruppen

Appell an die Stuttgarter Stadträtinnen und Stadträte
und an die Abgeordneten des baden-württembergischen Landtags:

Arthur D., geb. 1.12.1913, Mechaniker, Wohnort Biberach, überlebte die KZ-Haft in Dachau und Mauthausen.
Wegen §175-Vergehen vom Schöffengericht Biberach im Juni 1956 erneut zu Gefängnisstrafe verurteilt.
Franz W., geb. 9.10.1912, Kaufmännischer Angestellte, Wohnort Stuttgart, überlebte das Moorlager im Emsland.
Wegen §175-Vergehen vom Landgericht Stuttgart im Mai 1950 erneut zu Gefängnisstrafe verurteilt.
Karl Z., geb. 10.5.1904, Kellner, Wohnort Stuttgart, überlebte Gestapohaft im „Hotel Silber“, KZ Sachsenhausen, Auschwitz und Mauthausen. Wegen §175-Vergehen vom Landgericht Stuttgart im Januar 1949 erneut zu Gefängnisstrafe verurteilt.

(Siehe Ralf Bogen: „Vorkämpfer im Kampfe zur Ausrottung der Homosexualität“, veröffentlicht in Bauz / Brüggemann / Maier (Hrsg.): „Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern“, Stuttgart 2013)

„Wir mussten uns wiederum verstecken und wurden erneuter Verfolgung ausgesetzt. […] Viele von uns wagten es nie, darüber zu sprechen. Viele von uns starben allein mit den qualvollen Erinnerungen. Wir haben lange, aber vergeblich auf eine deutliche politische und finanzielle Geste […] gewartet.“
Acht homosexuelle Überlebende in einem Memorandum, welches im Rahmen des „United States Holocaust Memorial Museums“ am 28.05.1995 veröffentlicht wurde.

(Siehe Burkhard Jellonnek / Rüdiger Lautmann (Hrsg.): „Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle – Verdrängt und ungesühnt“, Paderborn 2002)

„Es gibt in Baden-Württemberg bisher keine systematische Aufarbeitung und dauerhafte Darstellung des NS-Unrechts an homosexuellen Menschen“ – noch im Jahre 2010 musste dies die damalige baden-württembergische Landesregierung einräumen. Auch die Stadt Stuttgart hat sich dieser Aufgabe bislang noch nicht konsequent gestellt. Das ist ein wichtiger Grund, warum die Erwartungen schwul-lesbischer Vereine und Aktivist_Innen an den geplanten Lern- und Gedenkort „Hotel Silber“ sehr hoch sind, zumal das Haus symbolhaft für mehrere Generationen Verfolgungsgeschichte Homosexueller in den Jahren 1928 bis 1969 steht. Es ist Symbol für die Vernichtung vieler Existenzen durch Berufsverbote, Arbeitslosigkeit, gesellschaftliche Ächtung und frühen Tod. Die Geschichte des Umgangs mit Diversität und Vielfalt kann hier in besonderer Weise thematisiert werden. Die einmalige Chance der Aufarbeitung des §175-Unrechts in der NS-Fassung – auch in der Zeit von 1945 bis 1969 – in einer Gedenkstätte ist von überregionaler Bedeutung!

Aktuelle Kürzungspläne von Land und Stadt für den einzurichtenden Lern- und Gedenkort „Hotel Silber“, insbesondere die Reduzierung der Fläche von 1300 auf 1000 Quadratmeter unter Wegfall des zweiten Obergeschosses, ehemalige Chefetage der Gestapo, lassen befürchten, dass die Themenvielfalt der Dauerausstellung und beispielsweise die Lebenssituation der Homosexuellen – auch in den Zeiten vor 1933 und nach 1945 – nicht konkret und angemessen dargestellt werden kann. Auch das von der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber und dem Haus der Geschichte in zahllosen Arbeitsstunden entwickelte Konzept, welches u. a. bereits konkrete Beispiele der Homosexuellenverfolgung enthielt, wäre so nicht mehr umsetzbar.

Wir appellieren an alle Mitglieder des Stuttgarter Gemeinderats und des baden-württembergischen Landtags, sich nach fast 70-jährigem Vergessen, Verdrängen und Vernachlässigen für einen würdigen Lern- und Gedenkort unter Einbeziehung aller NS-Verfolgtengruppen einzusetzen und sicher zu stellen, dass in Baden-Württemberg erstmals in einer Gedenkstätte die Geschichte der Ausgrenzung und Verfolgung Homosexueller angemessen dargestellt werden kann. Hierfür muss der Dauerausstellung im „Hotel Silber“ ausreichende Fläche zur Verfügung gestellt werden, ist unseres Erachtens die ursprüngliche Fläche von 1300 Quadratmeter für den gesamten Lern- und Gedenkort unerlässlich und müssen für das Betriebsbudget gegebenenfalls alternative Möglichkeiten ernsthaft geprüft werden.

Hier geht es zur Onlinepetition

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