Unter dem Motto „Ohne uns kein Wir“ fand in diesem Jahr die Stuttgart Pride statt. Wir hatten bis Samstagabend eine tolle Demonstration mit der Bimmelbahn, bis uns die Nachricht vom Anschlag auf den Berliner CSD erreichte. Unsere Welt ist nicht mehr dieselbe.
Wir sind traurig, wütend und fassungslos. Unsere Gedanken und unsere Anteilnahme sind bei den Opfern, deren Angehörigen und der Berliner Community. Wir stehen zusammen und werden weiter auf die Straße gehen und für unsere Rechte kämpfen. Wir lassen uns weder instrumentalisieren, noch spalten. Und wir wollen, dass den Worten von Politiker:innen nun Taten folgen.
Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt.
Gustav Heinemann
Diese Bundesregierung hat sich seither nicht gerade als Freundin der queeren Community ausgezeichnet. Und jeder Extremismus hat eine Grundlage: gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Es ist jetzt ein schlechter Zeitpunkt, Demokratie-Förderprogramme und die Zuschüsse für queere Projekte zu streichen oder zusammenzukürzen. Wir haben das jahrelang wiederholt gesagt: Es geht um die Werte der Demokratie, wenn wir angegriffen werden. Hass tötet.
Danke an alle, die da waren, uns begleitet haben, geholfen haben, am Sonntag an Stand und Spielstraße vorbeigeschaut haben. Danke an unsere BerTA-Schirmfrau Brigitte Lösch und Sozialminister Oliver Hildenbrand.
Und wieder starten wir in eine CSD-Saison! Diesmal geht es hier und da bereits im Mai los. Die Hochzeit ist natürlich im Juni, mit dem Pride Month. Gleichstellungsthemen, für die wir auf die Straße gehen sollten, gibt es immer noch viele. Und leider verschlechtert sich auch das gesellschaftliche Klima. Erfreulicherweise gibt es aber gleich mehrere neue kleine CSDs. Euer Fahrplan für die Pride Season 2026:
Der LSVD Baden-Württemberg begrüßt, dass sich am vergangenen Sonntag (22. Oktober) mehrere hundert Menschen den Rechten und Kritiker:innen entgegengestellt haben, die eine Kinderbuch-Lesung mit Dragqueen Candy Licious in Ludwigsburg verhindern wollten. Vielfalt bedeutet auch Vielfalt im Ausdruck queerer Identitäten. Das macht auch Familienleben bunt, und ist für niemanden eine Gefahr.
Breiter Gegenprotest in Ludwigsburg. Foto: Rebecca Rottler
Die Lesung mit Candy Licious fand im Rahmen des Literaturfestivals „Wortwelten“ im Demokratischen Zentrum „DemoZ“ in Ludwigsburg statt. Nachdem die Junge Alternative im Vorfeld zu Gegenprotesten aufgerufen hatte, kam es vor der eigentlichen Veranstaltung zu einer Art Demo-Auflauf. 300 Menschen, die die Lesung unterstützten, stellten sich circa 30 Gegendemonstrant:innen auf der rechten Seite entgegen. Auch unsere Beratungsstelle BerTA war mit vor Ort. Danke an alle, die dabei waren und zusätzlich über queeres Leben in all seinen Facetten informiert haben. Damit hat die Junge Alternative genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollte: Es gab viel mehr Aufmerksamkeit für Veranstaltung und Thema und eine große Solidarität mit dem „DemoZ“ und Candy Licious.
Familienformen sind vielfältig
„Wir sind alle unterschiedlich und anders, und somit sind wir auch alle normal. Wir sind alle Menschen.“ – So die Begründung des „DemoZ“ für die Kinderbuch-Lesung mit Candy. Kinder sollen die Möglichkeit bekommen, alternative, vorurteils- und Geschlechterrollen-bewusste Geschichten zu hören. Mit Charakteren und Figuren, die in herkömmlichen Kinderbüchern nicht vorkommen. Letztendlich soll ihnen damit Mut gemacht werden. Jede:r kann so sein, wie sie*er ist, alles ist okay. Das ist die Botschaft. Und Familienformen sind vielfältig. Das ist die Realität, vor allem in Baden-Württemberg, wo es viele Regenbogenfamilien unterschiedlicher Konstellationen gibt. Kinder sollten gestärkt und nicht verunsichert werden, weder in ihrem eigenen Sein und Empfinden, noch in ihrer Wahrnehmung der Gesellschaft.
Der BerTA-Bücherkoffer bei der Kinderbuch-Lesung. Foto: Rebecca Rottler
Ein altes Narrativ ist wieder da – zehn Jahre nach seiner Erfindung
Wir betrachten mit großer Sorge die Angriffe auf Regenbogenfamilien, Dragqueens und das Thema Familienvielfalt. Ludwigsburg ist nicht erste Fall in Baden-Württemberg in diesem Jahr, wo das alte „Demo für alle“-Narrativ von der gefährlichen „Frühsexualisierung“ von Kindern wieder benutzt wird, um Stimmung gegen uns zu machen. Wo von Kindesgefährdung die Rede ist und Veranstaltungen sogar in die Nähe von Kindesmissbrauch gestellt werden. Es gilt, weiterhin wachsam und wehrhaft zu bleiben. Der Aufstieg der „Demo für alle“ mit Beginn in Stuttgart ist in diesem Herbst genau zehn Jahre her.
Neu ist, sich Dragqueens und Kinderbuch-Lesungen als Ziel auszugucken. Leider wird, beflügelt auch von der Debatte um das neue Selbstbestimmungsgesetz, massiv von rechter Seite gegen Vielfaltsbildung, Diversität und alles, was die heteronormative Geschlechternorm in Frage stellt, mobil gemacht. Dem Fall in Ludwigsburg gingen bereits ähnliche in München und Wien voraus. Auch hier stellte sich Gott sei Dank ein breites Bündnis jeweils hinter die Veranstaltungen. In einer Demokratie sollte es keine Bedrohungsszenarien geben. Wir lassen uns von menschenfeindlicher Hetze nicht einschüchtern!
Erst kommt der Frühling – mit dem Tag der lesbischen Sichtbarkeit (26. April) und dem IDAHOBITA (17. Mai). Und dann startet im Juni auch schon wieder die Pride-Saison! Hier findet ihr alle Termine in Baden-Württemberg.
CSD in Karlsruhe 2022 (Foto: Kerstin Rudat)Weiterlesen →
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